Alexander Aljechin 
Name

Alexander Aljechin
Land

Russland
* 01/11/1892 Moskau
gestorben 24/03/1946 Estoril

Weltmeister

1927 - 1935
1937 - 1946

Meister von Russland 1908, 1914, 1920

"Aljechin war ein Spieler von Urgewalt, er war mehr als ein Spieler: Er brannte in seinem Schachehrgeiz und in seinem Spiel." (Milan Vidmar)

Alexander Aljechin erlernte mit sieben Jahren das Schachspiel. Sein älterer Bruder Alexej war ein starker Spieler, und auch im Elternhaus wurden kleinere Hausturniere veranstaltet, an denen bekannte Moskauer Schachspieler teilnahmen. Mit acht Jahren zeigte Aljechin schon großes Interesse für das Schach. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten offenbarten sich frühzeitig. Er machte in der Schule rasche Fortschritte und zeigte neben der Mathematik in jedem Unterrichtsfach hervorragende Leistungen. Seine Beschäftigung mit dem Schach hat von Anfang an etwas Wissenschaftliches an sich. Mit acht Jahren schrieb er seine Partien nieder und analysierte sie. Die kindlichen Anmerkungen zeugen bereits von selbständigem Denken. In der Schule war das Schachspiel eine beliebte Unterhaltung. Auch Aljechin spielte leidenschaftlich, oft sogar ohne Ansicht des Brettes. Sein Interesse am Blindspiel war geweckt worden, als Pillsbury im Moskauer Schachklub gleichzeitig gegen 22 Gegner antrat.

Alexander Aljechin

Aljechin, der damals neun Jahre alt war, durfte bei dieser sensationellen Blindvorstellung zwar nicht zuschauen, aber sein Bruder hatte daran teilgenommen und sogar ein Remis erreicht. Was er zu berichten wußte, beeindruckte den Knaben tief. Drei Jahre später spielte Aljechin schon selbst mit Erfolg blind.

Da ihm lange Zeit nicht gestattet wurde Klubs zu besuchen, versuchte er seine Schachleidenschaft durch Fernpartien zu befriedigen. Das Fernschach übte auf seine Entwicklung eine günstige Wirkung aus und half ihm, sich die Kunst des Analysierens anzueignen.

Während seiner Gymnasialjahre blieb Aljechin oft sich selbst überlassen. Im reichen Elternhaus herrschten ungeordnete Verhältnisse. Seine Großmutter richtete in ihrem Haus eine Wohnung für ihn ein, aber sie wäre allein kaum imstande gewesen, den leidenschaftlichen, phantasiebegabten Jungen zu lenken und ihm eine angemessene Erziehung angedeihen zu lassen. Außerdem erlebte Aljechin den Untergang des zaristischen Rußlands und der aristokratischen Gesellschaftsschicht, der er entstammte, aus nächster Nähe mit.

Unter diesen Umständen schwebte er ständig in Gefahr, seinen inneren Halt zu verlieren. Das Schach hat ihn jedoch davor bewahrt.

Er schrieb später: "Mit Hilfe des Schachs formte ich meinen Charakter. Das Schachspiel lehrt vor allem, objektiv zu sein. Man kann nur dann ein großer Meister werden, wenn man sich seiner Fehler und Mängel bewußt wird - ist das nicht ganz so wie im Leben ?"

Die selbstkritische Einstellung zu seinen Leistungen und Lebensgewohnheiten wurde eine hervorstechende Eigenschaft Aljechins. Jahrzehnte später befähigte ihn diese Haltung, aus der Niederlage im Wettkampf mit Euwe die notwendigen Lehren zu ziehen. Sobald er die Erlaubnis erhielt, einen Klub beizutreten, bemühte er sich, im Spiel mit stärkeren Gegnern dazuzulernen. Er wollte möglichst bald an einem Einzelturnier teilnehmen.

Die erste Etappe in Aljechins Entwicklung ist durch eine Hinwendung zum Kombinationsspiel gekennzeichnet. Das ist nicht verwunderlich, sind es doch gerade die Kombinationen, die das Schach in den Rang einer Kunst erheben.

Aljechin schätzte den künstlerischen Gehalt einer Partie stets höher ein als ihr Ergebnis. Natürlich bemühte er sich im Laufe seiner Entwicklung, beide Gesichtspunkte miteinander in Einklang zu bringen und seine Partien mit künstlerischen Mitteln zum Siege zu führen.

Er begegnete jenen mit Verachtung, die im Schach nur dem Partiegewinn nachjagten, denen nur der Punkt, das heißt das "Was" und nicht das "Wie" wichtig war; die den Sieg für das einzig erstrebenswerte Ziel hielten.

Wohin die Vernachlässigung des künstlerischen Gehalts führen kann, war zu jener Zeit deutlich erkennbar. Darum wandte sich Aljechin von den Meistern ab, die sich ausschließlich auf technische Mittel beschränkten. Seine Bestrebungen gingen dahin, das Schach in die Reihe der anderen Künste emporzuheben.

Der wertlose Punkt war ihm geradezu ein Gräuel. In vielen Analysen wies er darauf hin, daß eine Partie an Wert einbüßt, wenn die richtige Fortsetzung verfehlt wird. In seiner Begegnung mit Teichmann (Berlin 1921) wiederholte er einige Züge, um zu verhindern, daß sein Gegner durch Zeitüberschreitung verliert. Dieser fanatische Glaube an die Schönheit, dieses unermüdliche Streben nach ideellen Werten haben Aljechin sein ganzes Leben hindurch begleitet.

Die ersten Erfolge spornten ihn an, so das sich seine Spielstärke ständig verbesserte. In Düsseldorf teilte er 1908 im Hauptturnier den vierten und fünften Platz. Im folgenden Jahr trug er in einem gesamtrussischen Amateurturnier den ersten Preis davon und errang damit den Meistertitel. Nun wurden seine Leistungen auch in der Familie anerkannt und sein Ansehen in der Schule wuchs.

Seine Begabung hatte auch die Moskauer Schachkreise auf ihn aufmerksam gemacht, und man sah seiner weiteren Entwicklung erwartungsvoll entgegen. In dieser Zeit sind kombinatorische Gedankengänge für Aljechins Stil kennzeichnend. Positionelle Feinheiten spielen dagegen in seinen Partien nur selten eine Rolle. Im Endspiel erreichte er ebenfalls noch nicht das Niveau der führenden Meister.

Alexander Aljechin

Nachdem er den Meistertitel errungen hatte, spielte Aljechin noch im gleichen Jahr mit Nenarokow einen Wettkampf über drei Gewinnpartien. Nenarokow gewann 3 - 0. Aljechin hat in seinem Leben 23 Wettkämpfe ausgetragen (davon fünf um die Weltmeisterschaft), aber außer der Niederlage gegen Nenarokow nur noch einmal den kürzeren gezogen, obwohl die Liste seiner Wettkampfgegner viele berühmte Namen enthält.

Nach dem Düsseldorfer Turnier besiegte Aljechin in einem kleinen Wettkampf Curt von Bardeleben mit (+4 -0 =1). Auch dieses Resultat ließ aufhorchen, obwohl der deutsche Altmeister offensichtlich nicht mehr im Besitz seiner einst gefürchteten Spielstärke war.

Sobald Aljechin das Gymnasium absolviert hatte, ließ er sich in die juristische Fakultät der Petersburger Universität einschreiben. Sein Studium belastete ihn nicht übermäßig, obwohl er großen Wert auf das juristische Diplom legte. Das Schachleben war in Petersburg viel reger als in Moskau - sehr zur Freude Aljechins.

Dank seiner finanziellen Unabhängigkeit und den Empfehlungen Petersburger Schachkreise konnte er an mehreren Turnieren im Ausland teilnehmen.

1910 beteiligte er sich am Hamburger Turnier und belegte den 7 - 8. Platz.

1911 spielte er in Karlsbad und erreichte dort den 8 -11.Platz.

Aljechins erster internationaler Erfolg war sein Turniersieg in Stockholm 1912. Den Wert seines Abschneidens kann man daran ermessen, daß Spielmann nur den 5. Platz einzunehmen vermochte. Aljechin verlor nur eine Partie und siegte mit anderthalb Punkten Vorsprung.

In der zweiten Hälfte des Jahres belegte er in Wilna allerdings nur den 6.-7.Rang, wobei er Rubinstein, Bernstein und Nimzowitsch den Vortritt lassen mußte. Sein erster Preis im Scheveninger Turnier 1913 bildete schon keine Überraschung mehr.

Auch in Petersburger Turnieren sicherte er sich gute Placierungen. 1912 wurde er Erster und ein Jahr später teilte er in einem Viererturnier den ersten und zweiten Platz.

Allmählich drang er in die Phalanx der führenden Meister ein und sammelte wertvolle Erfahrungen. Besonders das Jahr 1913 verlief reich an Erlebnissen. In den Schachkreisen von Berlin und Paris gewann Aljechin neue Freunde und erwarb mancherlei Kenntnisse.

In seinem Spiel paarten sich kombinatorische und positionelle Erwägungen immer häufiger. Sein Stil war zwar nach wie vor taktisch geprägt, er begann aber seine schier unerschöpflichen Phantasie in den Dienst weitgreifender Pläne zu stellen.

1914 beteiligte sich Aljechin am Petersburger Turnier. Unter den Teilnehmern befanden sich solche Schachgrößen wie Lasker, Capablanca, Blackburne, Gunsberg, Janowski, Marshall, Nimzowitsch, Rubinstein und Tarrasch. Aljechin belegte einen ausgezeichneten 3. Platz. Sieger wurde Weltmeister Lasker, Capablanca erreichte den zweiten Platz. Aljechins Abschneiden war ein großer Erfolg.

1914 wurde das Mannheimer Turnier ausgetragen, daß vorzeitig durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach der 11. Runde abgebrochen wurde. Nach der 11. Runde führte Aljechin mit 9,5 Punkten vor Vidmar 8,5, Spielmann 8,5, Breyer, Marshall und Reti je 7 usw. Die Preise wurden entsprechend dieser Reihenfolge verteilt.

Aljechin und andere russische Schachspieler, die sich an einem der Haupt oder Nebenturniere beteiligt hatten, wurden interniert. Aljechin wurde bald aus dem Internierungslager entlassen und kehrte in seine Heimat zurück. Dort wurde er dem Roten Kreuz zugeteilt. Eine schwere Verletzung bereitete jedoch seinen Dienst ein Ende und er mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Er trennte sich aber auch im Krankenbett nicht vom Schach. Eine Blindsimultanproduktion im Tarnopoler Krankenhaus diente ihm dazu, für die Schachkunst zu werben.

Schließlich endete der Krieg. Die Heilung der Wunden und eine Vielzahl innerer Probleme stellten den jungen sowjetischen Staat vor schwierige Aufgaben. Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß das Schachleben nahezu zum Erliegen kam.

Der Krieg machte Aljechins Pläne zunichte und hemmte seinen Aufstieg. Seine Schachlaufbahn wurde unterbrochen wie die anderer Meister auch. Er fühlte jedoch, daß er seiner Lebensaufgabe treu bleiben müsse.

Aber alles war vergebens, die Verhältnisse zwangen ihn zur Untätigkeit. Von ungeduldigem Ehrgeiz getrieben kamen Aljechin zum ersten Mal im Leben Zweifel an seiner Bestimmung. Er versank in nutzloses Grübeln und wollte dem Schach den Rücken wenden.

Im Herbst 1919 ließ er sich an der Filmkunstschule einschreiben." Ich habe das Schach aufgegeben und werde wahrscheinlich nie wieder zu ihm zurückkehren", sagte er zu einem bestürzten Bekannten.

Aljechin vermochte sich aber nicht vom für überflüssig erklärten Schach abzuwenden. Vergeblich wiederholte er, daß er nie zu ihm zurückkehren werde, er spielte trotzdem - wie einst in der Kindheit - heimlich Blindpartien während der Vorlesungen.

Aljechin bestand die Prüfungen an der Filmschule mit Auszeichnung, da sich seine allgemeine künstlerische Veranlagung auch auf diesem Gebiet bewährte. Der Film war eine neue und massenwirksame Kunst, er konnte aber Aljechins Interesse nicht fesseln. Deshalb kehrte er kurz entschlossen zum Schachspiel zurück.

In der Meisterschaft von Moskau wurde er ungeschlagen Erster. Im Allrussischen Meisterturnier 1920 wurde er ebenfalls ohne Verlustpartie erster Preisträger. In dieser Zeit studierte Aljechin eingehend die offenen Spiele. Dabei befaßte er sich vor allem mit Gambiteröffnungen und mit Bauernopfern im Interesse der Initiative.

Die nach sechsjähriger Turnierpause erzielten Erfolge entfachten Aljechins Begeisterung erneut. Er bekam wieder Lust, um die Weltmeisterschaft zu kämpfen.1921 siedelte er nach Paris über, wo er sich an der juristischen Fakultät der Sorbonne immatrikulieren ließ und zwei Jahre später zum Doktor promovierte. Auch während der Studienzeit ließ er seiner Schachleidenschaft freien Lauf.

Den letzten Anstoß, sich rückhaltlos seinem Lebensziel zu weihen, gab ihn der Sieg Capablancas im Wettkampf um die Weltmeisterschaft. Der kubanische Großmeister hatte die Kriegs - und Nachkriegsjahre gut genutzt und einen sicheren Sieg über Lasker davongetragen.

Sofort forderte Aljechin den neuen Weltmeister zu einem Wettkampf heraus. Capablanca berief sich aber auf frühere Verpflichtungen und sagte, er wolle erst diesen Verbindlichkeiten nachkommen. So blieb Aljechin nichts anderes übrig, als zu warten, bis er nach Rubinstein, Marschall oder eventuell auch Lasker an die Reihe käme. Er mußte sich also noch gedulden, erkannte aber klar, daß die Wartezeit sich für ihn nur günstig auswirken konnte.

Seine Spielpraxis war damals unzureichend. Er hatte in den letzten fünf Jahren insgesamt nur 40 Turnierpartien gespielt - obendrein mit Gegnern, die wesentlich schwächer als der Kubaner waren. Aljechin war sich vollauf bewußt, daß er die unbemessene Frist nicht tatenlos verstreichen lassen durfte.

Um wieder in Übung zu kommen, beteiligte er sich in den nächsten sechs Jahren - von 1921 bis 1927 - an 22 Turniere und spielte außerdem mehrere Zweikämpfe. Dank seinen aufsehenerregenden Erfolgen wuchs sein Ansehen beträchtlich. Die öffentliche Meinung der Schachwelt sah in ihm einen würdigen Rivalen des Weltmeisters, und auch Capablanca wurde allmählich gezwungen, die Herausforderung Aljechins zur Kenntnis zu nehmen.

Der Wettkampf kam aber erst 1927 zustande. Zu dieser Zeit gehörten Rubinsteins Turniererfolge schon der Vergangenheit an, so daß er vom Wettkampf zurücktreten mußte. Auch Lasker verzichtete auf sein Revancherecht.

Aljechin hatte sich in dem genannten Zeitraum keine Ruhe gegönnt, wie die folgende Übersicht zeigt. 1921: Triberg 1.,Budapest 1.,Den Haag 1.(in allen Fällen ungeschlagen),1922: Pystian 2.- 3.,London 2.(ungeschlagen),Hastings 1.,Wien 4.- 6.,1923: Margate 2.- 4.,Karlsbad 1.- 3.,Portsmouth 1.(ungeschlagen),1924: New York 3.,1925: Paris 1.(ungeschlagen),Bern 1.,Baden - Baden 1. (ungeschlagen),1926: Hastings 1.- 2.(ungeschlagen),Semmering 2.,Dresden 2.,Scarborough 1.,Birmingham 1.,Buenos Aires 1.(die letztgenannten vier Turniere ohne Verlustpartie),1927: New York 2.,Kecskemet 1.(ungeschlagen). In diesen sechs Jahren spielte Aljechin 340 Turnierpartien, wodurch seine Spielstärke gewaltig zunahm.

Alexander Aljechin

Das Turnierglück stieg Aljechin nicht zu Kopfe. Er war sich bewußt, daß die Gegner, die er mit überlegener Sicherheit abgefertigt hatte,viel schwächer waren als Capablanca. Seit 1921 war der kubanische Weltmeister zwar nicht oft in die Schranken getreten, aber er hatte in London 1922 und in New York 1927 seinen Gegnern kaum einige Remis gegönnt und während seiner Herrschaft in fünf Turnieren nur drei von insgesamt 84 Partien verloren. Das hatte ihm den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingetragen.

Endlich stand die letzte Kraftprobe bevor, das Turnier in New York 1927. Aljechin mußte sich bei dieser "Generalprobe" mit dem zweiten Platz hinter Capablanca zufrieden geben. Laut Turnierausschreibung erwarb er sich zwar damit das Recht, den Weltmeister herausfordern zu dürfen, dennoch bedeutete es einen Mißerfolg, daß er seinen großen Rivalen erneut nicht zu bezwingen vermochte und ihm den ersten Platz überlassen mußte.

Der mit größter Ungeduld erwartete Wettkampf begann am 10. September 1927 in Buenos Aires. Die meisten Fachleute rechneten mit einem sicheren Sieg von Capablanca. Seit Aljechin in Baden - Baden trotz stärkster Konkurrenz ungeschlagen Erster geworden war, galt er zwar als würdiger Weltmeisterschaftsanwärter, aber der Glaube an die Überlegenheit des Kubaners war fest verwurzelt. Capablanca selbst gab sich sehr zuversichtlich und erklärte gegenüber einer argentinischen Zeitung, daß ein Wunder dazu gehört, ihn zu bezwingen.

Das Wunder geschah. Mit der hartumkämpften 34. und letzten Partie ging der Kampf zu Ende. Damit hatte er das gewaltige Ringen mit (+6 -3 =25) für sich entschieden.

"Der Traum meines Lebens hat sich erfüllt; es ist mir gelungen, die Früchte meiner langjährigen Arbeit und Anstrengungen zu ernten", mit diesen Worten brachte der neue Weltmeister seine Gefühle zum Ausdruck.

Die Schachwelt verhielt sich zunächst zurückhaltend, feierte Aljechin aber schließlich um so begeisterter. Sie versprach sich von seiner Vorherrschaft einen Aufschwung der Schachkunst.

Nach seinem Triumph zog sich Aljechin für kurze Zeit vom Turnierschach zurück. Er widmete sich in dieser Zeit seiner literarischen Tätigkeit und bereitete sich auf neue Kraftproben vor.

In die internationalen Arena kehrte er 1929 wieder zurück. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern wollte er nicht in einem Elfenbeinturm leben und ergriff daher jede Gelegenheit zum öffentlichen Auftreten. Simultanspiele, Vorträge und Demonstrationspartien ohne Zahl beanspruchten seine Zeit zwischen den verschiedenen Turnieren.

In Bradly - Beach 1929, San Remo 1930 und Bled 1931 wurde er Erster, ohne eine Partie zu verlieren. Als Mitglied der französischen Mannschaft gab er bei der Hamburger Schacholympiade am ersten Brett nicht einen halben Punkt ab. Erfolge über Erfolge und alle in beeindruckendem Stil.

In dieser Zeit hatte Bogoljubov durch mehrere ausgezeichnete Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Das bewog deutsche Schachkreise - nachdem Aljechin eingewilligt hatte - einen Wettkampf um die Weltmeisterschaft zu organisieren. Bald stellte sich jedoch heraus, daß der Optimismus Bogoljubovs und seiner deutschen Anhängerschaft nicht ausreichend begründet war. Aljechin siegte leicht mit (+11 -5 =9).

Die Überlegenheit des Weltmeisters überzeugte jeden, aber nicht seinen Gegner. Dieser versuchte darum 1934 im zweiten WM-Kampf erneut sein Glück. Auch diesmal vereitelte Aljechin das Vorhaben des Herausforderers überzeugend und verteidigte seinen Titel mit (+8 -3 =15).

Auch in den folgenden Jahren erzielte Aljechin viele Turniererfolge. In London, Bern und Pasadena erkämpfte er 1932 weitere Siege. In Mexico City teilte er mit Kashdan den ersten und zweiten Platz ohne Partieverlust.

In Paris 1933 belegte er den Ersten, in Hastings den zweiten bis dritten Rang. In diesem Jahr verlor er von 34 Partien nur zwei. Er siegte im Züricher Turnier 1934. In Örebro 1935 erreichte er ungeschlagen den ersten Platz und blieb auf der Warschauer Schacholympiade abermals ohne Partieverlust, wobei er am ersten Brett mit (+7 -0 =10) zu überzeugen wußte.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn geriet Aljechin in eine seelische Krise. Er hatte alles erreicht, wonach er gestrebt hatte. Doch seit Jahren war er gezwungen, das wenig beneidenswerte Leben eines Emigranten zu führen. Heimweh packte ihn. Immer wieder wollte er von Großmeister Flohr, der in dieser Zeit wiederholt die Sowjetunion besucht hatte, Genaueres über die Heimat erfahren. Er knüpfte auch selbst Verbindungen an und grüßte im Oktober 1935 in einem Telegramm an die sowjetische Schachzeitschrift "64"alle Schachspieler seines Vaterlandes.

Es gelang Aljechin aber nicht sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Im Gegenteil, seine ungesunde Lebensweise - er hatte angefangen stark zu rauchen und glaubte, seine erschöpfte Phantasie durch Alkohol anregen zu können - zerrüttete seine Nerven vollends.

Er bereitete sich auf den für den Herbst 1935 vereinbarten WM - Kampf mit Euwe nur ungenügend vor und beging den verhängnisvollen Fehler den Gegner zu unterschätzen.

Der Wettkampf endete mit einer Sensation, die im Licht der Tatsachen eigentlich keine war. Aljechin unterlag. Statt sich auf seine gewaltige Kampfkraft zu besinnen, hatte er abergläubischem Hokuspokus vertraut. Sein siamesischer Kater, "Check" genannt, lag während der Partien auf einem Tischchen neben dem Spieltisch. Von ihm erwartete Aljechin die magische Kraft, die er in sich selbst nicht fand.

Gegen Ende des Wettkampfes setze er seine Hoffnungen auf das Horoskop des Österreichers Klein, doch glaubte er schon nicht mehr an ein Wunder. Die Partien des Wettkampfes beweisen, daß die Ursache für Aljechins Niederlage nicht im Versiegen seiner Schöpferkraft, sondern in seinem menschlichen Versagen gesucht werden muß.

Dennoch verfiel Aljechin nach dem knapp mit (+8 -9 =13) verlorenen Wettkampf nicht in Lethargie. Seine moralische Kraft war ungebrochen. Von heute auf morgen veränderte er seine Lebensweise und hörte auf zu rauchen und zu trinken. Aljechins Vertrauen in die Zukunft spiegelt sich auch darin wider, daß er, der sich nach der Heimat sehnte, "nur als Weltmeister" in die Sowjetunion zurückkehren wollte.

Im folgenden Jahr trat er, vom Ehrgeiz besessen, mehrfach in die Schranken. Dabei errang er in Dresden mit (+5 -1 =3) und in Hastings ( +7 -0 =2) den ersten, in Nauheim (mit +4 -0 =5) den geteilten ersten bis zweiten, in Podjebrad (+8 -0 =9) den zweiten und in Amsterdam ( +3 -1 =3) den dritten Preis.

In Nottingham 1936 erlitt er ein Fiasko, er wurde nur sechster. Der Revanchekampf mit Euwe war für den Herbst 1937 vorgesehen. Zuvor beteiligte sich Aljechin an drei Turniere, ohne indessen überzeugen zu können. In Margate wurde er Dritter (+6 -3 =0), in Kemeri nur Vierter bis Fünfter (+7 -1 =9) und in Nauheim Zweiter bis Dritter ( +3 -2 =1).

Bis zum Beginn des Revanchekampfes hatte sich Aljechin vollkommen gewandelt. Er wirkte geradezu verjüngt. Aber nicht nur physisch, auch schachlich war er gekräftigt. In seinen Partien spürte man den zündenden Funken früherer Jahre.

Aljechin war wieder der geniale Neuerer, der phantasievolle Taktiker und gewaltige Stratege von einst. In dieser Verfassung vermochte er den Rückkampf um die Weltmeisterschaft mit (+10 -4 =1) überzeugend für sich zu gestallten. Selbst Euwes Anhänger mußten seiner Vielseitigkeit Beifall zollen.

Aljechins Comeback setzte sowohl Fachleute wie auch Laien in Erstaunen. Nach dem Wettkampf wandte man sich an Euwe, um aus berufendem Munde zu erfahren, ob Aljechin seine frühere Kraft wiedergewonnen habe.

"Aljechin ist nicht nur sehr stark, er ist einwandfrei der stärkste Schachspieler der Welt", erwiderte der entthronte Weltmeister, und er verglich Aljechins Können mit den Leistungen, die dieser auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn in San Remo und Bled gezeigt hatte.

Der 46jährige Weltmeister stellte sich 1938 im Vollbesitz seiner Kräfte vor. In Montevideo wurde er ungeschlagen Erster mit dem hervorragenden Ergebnis von (+11 -0 =4). Auch in Margate nahm er mit (+6 -1 =2) den ersten Rang ein. In Plymouth teilte er den ersten und zweiten Platz (+5 -0 =2).

Dagegen mußte er sich im Avro - Turnier mit dem vierten bis sechsten Platz zufriedengeben. Das Avro -Turnier bedeutete für Aljechin eine ungewohnte Belastung. Die Runden wurden in verschiedenen Städten ausgetragen, und die Teilnehmer kehrten Abend für Abend nach Amsterdam zurück.

Nach Abschluß des Avro -Turniers sprach Botwinnik bei Aljechin vor und forderte ihn offiziell zu einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft heraus. Aljechin war sofort einverstanden. Dieser Kampf wäre zweifellos eines der bedeutsamsten Ereignisse der Schachgeschichte geworden, er kam aber wegen des Ausbruchs des Krieges nicht zustande.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, befand sich Aljechin als Mitglied der französischen Olympiamannschaft in Buenos Aires. Er kehrte nach Frankreich zurück. Später beteiligte er sich an mehreren vom Deutschen Schachbund veranstalteten Turnieren.

In jener Zeit sind unter seinem Namen Artikel veröffentlich worden, die nach dem Krieg herangezogen wurden, um das menschliche und politische Verhalten des Weltmeisters zu verurteilen.

Aljechin hat jedoch energisch bestritten, sie verfaßt zu haben. In den letzten Jahren des Krieges hielt sich Aljechin in Spanien auf. Irgendwie gelangte er nach Portugal, wo er 1945 das Ende des Krieges in Lissabon erlebte. Sein Gesundheitszustand hatte sich verschlechtert, und er klagte des öfteren über Herzbeschwerden.

Seine Lage verschlimmerte sich noch, als er erfuhr, daß die Einladung zum Londoner Turnier 1946 wegen der gegen ihn erhobenen Anklagen rückgängig gemacht worden war. Als Aljechin Anfang März eine Herausforderung Botwinniks zu einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft empfing, schöpfte er frischen Lebensmut. Der Gedanke an den bevorstehenden Kampf beseelte sein ganzes Wesen. Doch Träume werden nur allzu oft von der rauen Wirklichkeit zerstört...

Am Sonntag, den 24. März 1946, wurde Dr. Alexander Aljechin, der genialste Schachspieler aller Zeiten, tot an seinem Schachbrett aufgefunden. Sein sehnlichster Wunsch, den er viele Jahre zuvor geäußert hatte, war jedoch in Erfüllung gegangen. Er war unbezwungen als Weltmeister gestorben.